KI in der Steuerkanzlei: „Was bleibt, sind coole Themen und die individuelle Beratung“
Die digitale Transformation und der Einsatz künstlicher Intelligenz verändern die Arbeitsprozesse in der Steuer- und Unternehmensberatung rapide. Maximilian Freyenfeld, Professor für Steuerberatung und Digitalisierung an der Technischen Hochschule Augsburg, geht davon aus, dass künftig die Routineaufgaben wie die Buchung von Belegen durch die Digitalisierung fast komplett entfallen und auch der Datenstrom automatisiert erfolgt. Freyenfeld war unlängst als Referent auf einer Tagung der Führungskräfte der SHBB/LBV-Gruppe zu Gast. Trotz der veränderten Arbeitsprozesse rechnet der Professor damit, dass es auch in der digitalen Kanzlei für die Menschen genug zu tun gibt, wie er jetzt in einem Interview des Berufsorientierungsportals ME2BE bekräftigt. „Was bleibt sind coole Themen und die individuelle Beratung: Lohnt sich für meinen Mandanten eine bestimmte Immobilie oder die Gründung einer GmbH?“

Prof. Maximilian Freyenfeld / Foto: ALPHYN Rechtsanwälte
Fachliche Arbeit im komplexen Fall lasse sich nicht vollständig automatisieren
Ausführlich geht Freyenfeld in dem Interview auf den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in Steuerkanzleien ein. Schon heute würde das KI-basierte Dialogsystem ChatGPT die Prüfung für Steuerfachangestellte bestehen und könne zum Beispiel allgemeine Vor- und Nachteile einer GmbH solide benennen. Doch reines Begriffswissen reiche in der Praxis nicht. So komme ChatGPT schnell an die Grenzen, wenn danach gefragt werde, wie es sich bei dieser Rechtsform mit einem betrieblichen Grundstück verhält. „Weil die verfügbaren KIs mit frei zugänglichen und daher ungeprüften Daten aus dem Internet trainiert wurden, kommt es zu Fehlern. Deshalb würde wohl niemand die Haftung für eine KI-generierte Steuererklärung übernehmen“, sagt Freyenfeld.
Datenschutz wichtiges Thema in Steuerkanzleien
Auch die Anbieter spezieller Steuersoftware entwickeln seinen Angaben zufolge längst eigene, KI-gestützte Dienste. Ausschließlich damit lasse sich die Bilanz eines Unternehmens aber auch nicht rechtssicher erstellen. Ein immens wichtiges Thema für Steuerkanzleien sei der Datenschutz. „Ich kann bei einer KI nicht einfach die Daten meiner Mandanten eingeben.“ Daher ist Freyenfeld davon überzeugt, dass sich mittelfristig die fachliche Arbeit bei einem komplexen, individuellen Fall nicht vollständig automatisiert erledigen lasse. „Ob das jemals erreichbar sein wird, ist für mich denkbar, aber aus heutiger Perspektive ungewiss.“
Insgesamt sei die steuerliche Beratung bereits heute alles andere als langweilig, sagt Freyenfeld. „Als Steuerberater bekommt man einen einzigartigen Einblick, wie das Geld in Deutschland verteilt ist und wohin es fließt.“ Wenn künftig lästige Routinearbeiten mehr und mehr durch die Digitalisierung entfallen, bleibe mehr Zeit für die eigentliche Beratung der Mandanten. „Die Steuerberatung bietet tolle Perspektiven und gutes Geld – das Berufsfeld kann sehr lukrativ sein.“